alias tigra

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Roma, im Jahr 1048 ab urbe condita oder 295 nach Christi Geburt

 

Zwei Tage vor dem Fest der Anna Perenna sah Psecas das Schiff mit den purpurfarbenen Segeln im Flußhafen von Roma zum ersten Mal. Wie ein buntgefiederter Vogel in einem Schwarm schwarzer Krähen lag es zwischen plumpen Handelskähnen und kleinen Fischerbooten auf dem Wasser des Tiberis, und sein mit gehämmerten Goldblechen verzierter Bug glänzte im Morgenlicht so hell wie die Sonne.

Das Mädchen war unterwegs zu ihrer Arbeitsstätte, einer Steinhütte in den Uferwiesen, weit unterhalb der Flußinsel und der mächtigen Lagerhäuser des Galba. Dieser Weg führte die Sklavin jeden Tag den Tiberis entlang, über den lebhaften und lauten Rindermarkt am Tempel des Hafengottes Portunus und vorbei an den offenen Markthallen. Doch als sie an diesem Morgen das fremdartige Schiff auf dem Wasser erblickte, vergaß Psecas Weg und Arbeit und blieb unvermittelt stehen. Eingekeilt zwischen brüllendem Vieh, eiligen Sklaven und emsig feilschenden Händlern stand sie inmitten des Marktes und starrte gebannt auf die roten Segel. Doch keiner der geschäftig drängelnden Menschen an den Hafenanlagen des Tiberis achtete auf das Schiff, und niemand außer dem Mädchen selbst vernahm in diesem Lärm und Getümmel das wilde Pochen ihres Herzens.

„Wenn eine fremde Barke mit leuchtend purpurfarbenen Segeln auf dem Fluß ankert, dann beginnt ein neues Leben für dich, kleine Sklavin, und es wird ein weit besseres Leben sein, als du es dir auf deinem schäbigen Lager je erträumt hast!“

Psecas stand wie versteinert neben dem Tempel des Hafengottes und erinnerte sich an die geheimnisvollen Worte der tuscischen Seherin.

 

 

Am Tag nach dem Frühlingsfest lag das Mädchen mit offenen Augen auf ihrem Strohsack neben der schlafenden Diumerca und horchte auf die Geräusche der zu Ende gehenden Nacht. Das Peitschenknallen eines Kutschers, der seine Maultiere antrieb, um noch rechtzeitig vor Tagesbeginn die Stadt zu verlassen, das Rasseln der eisernen Ketten eines Ochsenfuhrwerkes und die derben Flüche der begleitenden Sklaven drangen durch das Fenster von der gepflasterten Straße hinauf in den Verschlag über der Taberna, in dem sich die weiblichen Sklaven der Pollia Sempronia das Nachtlager teilten. Die Nächte in Roma waren laut und unruhig, dicht hintereinander rollten unablässig schwere Wagen mit Waren aus der ganzen Welt durch die engen Straßen der Stadt und brachten Lebensmittel und Luxusgüter in das Großmarktviertel am Tiberisufer. Tagsüber verwehrte ihnen ein altes Gesetz die Durchfahrt durch die ständig mit Verkaufsständen, Sänften und Fußgängern verstopften Wege zwischen den Mietshäusern und Tempeln, und so waren die Händler und Bauern gezwungen, ihre Transporte in die Nach

Leseprobe II

t zu verlegen.

 

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